14.05.2019
Kategorie: Religion und Ethik, Startseite, Presseschau
Von: eingestellt von S. Jaqui

Durch den Stolperstein endlich vereint


Kusel: Vielleicht, „wenn wir leben bleiben“, dann würde sie ihren Kindern einmal ihre Heimatstadt Kusel zeigen, schrieb Paula Bermann in Kriegsjahren in ihr Tagebuch. Doch ihr Wunsch blieb unerfüllt. Erst die Enkel der im Konzentrationslager umgekommenen Jüdin hatten jetzt die Gelegenheit, Kusel kennenzulernen.

Von Susanne Cahn

 
Großer Auflauf gestern Vormittag in der Gartenstraße. Mitarbeiter des Bauhofs sperren die Straße für den Verkehr. Vor dem früheren Haus Bermann versammeln sich Besucher und Schüler der neunten Klassen des Siebenpfeiffer-Gymnasiums, um mit der Verlegung des Stolpersteins an Paula Bermann zu erinnern. Unter den elf Familienmitgliedern der Bermann-Nachfahren aus den Niederlanden sind die Enkel Linda, Ingrid und Tom Bouws sowie die Urenkel Ramon und Mano. Die wichtigste Rolle übernimmt allerdings das jüngste der angereisten Familienmitglieder: In einer feierlichen Zeremonie lässt die 17-jährige Ur-Ur-Enkelin Lucy Barton die Messingplatte in den Boden ein.Durch den Stolperstein sei ihre Großmutter jetzt mit ihren Familienmitgliedern vereint, sagte Linda Bouws in ihrer Ansprache. Vor dem Haus erinnern bereits Stolpersteine an Paulas Geschwister Mathilde und Ernst sowie dessen Frau Klara und Tochter Hilde. Bouws drückte die Hoffnung aus, dass die Stimme ihrer Großmutter nicht vergessen werde. Für die Familie ist der Besuch in Kusel ein besonderes Ereignis: Am Abend zuvor wurden sogar Angehörige in den USA per Videoanruf beteiligt. Begleitet wurden die Gäste von Regine und Gerhard Berndt, der das Treffen initiierte.

Viele Schüler beteiligen sichStadtbürgermeisterin Ulrike Nagel betonte, sie sei „tief berührt, dass Sie uns die Ehre geben“, und das Andenken nun gemeinsam weitergetragen werden könne. „Das ist ein Signal, das uns guttut“, sagte sie. Über diesen Stein stolpere man nicht mit den Füßen, sondern mit dem Kopf, sagte die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde der Rheinpfalz aus Kaiserslautern, Larissa Janzewitsch. Die Beteiligung von zahlreichen Schülern gebe ihr das Gefühl, mit Zuversicht in die Zukunft blicken zu können.Dass viele Jugendliche der Feier beiwohnten, kam bei den Besuchern äußerst positiv an: „Das war sehr schön“, sagte Bermann-Enkel Tom Bouws sichtlich ergriffen. Auf Initiative des Pfarrers im Schuldienst, Ulrich Reh, begleiteten die Neuntklässler die Feierstunde mit Musik- und Textbeiträgen zum Thema Zivilcourage. Auch vom Himmel gab es Musik: Mauersegler begleiteten das Geschehen mit ihren durchdringenden Rufen. Mit einer besonderen Geste überraschten Hannelore und Albrecht Feyel aus Konken die Besucher: Sie luden die Familie am Morgen in ihr Haus ein, das einst das Geburtshaus von Paula Bermann war. Neben einem herzlichen Willkommen gab es Schnaps, Häppchen sowie ein historisches Bild. Dem schloss sich ein Besuch auf dem jüdischen Friedhof Thallichtenberg an, wo ein Urenkel vor dem Grab von Paulas Eltern das jüdische Totengebet Kaddish sprach. Große Resonanz fand bereits am Abend zuvor eine Lesung aus dem Tagebuch Bermanns, in dem sie unter dem Titel „Die entgleiste Welt“ Erlebnisse, Ängste und Hoffnungen der Kriegsjahre 1940 bis 1944 notiert. Die 120 Besucher im Katharina-von-Bora-Haus wurden dabei eindringlich mit den Gräueltaten der Nazis konfrontiert. Zugleich war zu spüren, wie die Nazi-Zeit noch in spätere Generationen der Enkel mit aller Schwere nachwirkt.

Das Tagebuch wird übersetztOft beginnen Bermanns Eintragungen mit Alltäglichem. Doch rasch wechselt die Verfasserin zu den traurigen Tatsachen: „Das Unwahrscheinliche ist doch wahr“, schreibt sie, die „Jagd nach Menschen will kein Ende nehmen“. Und dann heißt es: „Dass wir diesen Krieg überleben, glaube ich nun nicht mehr.“Wenigstens die Kinder haben es geschafft. „Das Thema war zu Hause zwar präsent, aber es wurde nicht darüber gesprochen“, berichteten die Enkel. Das Tagebuch sei der Schlüssel zum Familiengeheimnis gewesen.

Der Historiker Roland Paul, der Passagen aus dem Tagebuch einfühlsam vortrug, geht davon aus, dass das Buch auch in Deutsch erscheinen wird. Zu diesem Zweck sei er in Verbindung mit der Landeszentrale für politische Bildung. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Arbeitskreis „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ im protestantischen Dekanat Kusel. Dessen Mitglied Ulrich Reh spannte in seiner Einführung den Bogen von der Nazi-Zeit in die Gegenwart. Die Veranstaltung möge dazu beitragen, Unrecht und Unmenschlichkeit zu erkennen, sagte der Pfarrer im Schuldienst.

(veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Rheinpfalz)

Quelle

Ausgabe Die Rheinpfalz Westricher Rundschau - Nr. 111
Datum Dienstag, den 14. Mai 2019
Seite 13