Geschichte - Grundfragen des Faches

1. Geschichte in der Gegenwart

Vielen erscheint der Gegenstand des Faches Geschichte als „leblose“ Vergangen­heit, die mit dem jetzigen, wirklichen Leben, mit seinen Anforderungen und Annehmlichkeiten wenig zu tun hat. Die Tatsache, dass man sich eine Fülle unbe­kannter, oft schwer zu durchschauender Informationen beschaffen muss, um geschichtliche Themen wenigstens im Ansatz zu verstehen, scheint dieser Annahme recht zu geben.
Und doch umgibt und betrifft uns Geschichte unausweichlich in unserer jetzigen Gegenwart. Auf den ersten Blick leuchtet das am ehesten im Bereich der Politik ein, wenn zum Beispiel das rege öffentliche Interesse an den historischen Wurzeln und Bedingungen eines weltbewegenden Ereignisses wie der Öffnung der Berliner Mauer und der deutsch-deutschen Grenze erwacht und Ursachen und Folgen dieser Entwicklung diskutiert werden.
Geschichte ist aber genauso wichtig und interessant für ein vertieftes Verständnis der Gegenwart im Hinblick auf alle Lebensbereiche, auf Religion, Kultur, Gesell­schaft, Wirtschaft, das heißt auf die Bedingungen des eigenen Lebens, deren Alltäg­lichkeit uns nur zu oft den Blick verstellt für ihre geschichtliche Gewordenheit (und Veränderbarkeit).
Man muss nicht in einer von historischer Tradition geprägten Stadt oder Gemeinde, wie Trier, Mainz, Worms oder Speyer leben, um schon bei einem Rundgang durch die eigene Stadt oder Gemeinde der Geschichte sozusagen auf Schritt und Tritt zu begegnen. Industrieanlagen, Straßenzüge oder Bunkerreste können ein ebenso beredtes Zeugnis der Vergangenheit (und Gegenwart zugleich) sein wie Dome oder Burgen des Mittelalters. Auch die eigene Lebensgeschichte - als Teil der ganzen Geschichte - wird erst recht verständlich, wenn man sie bezüglich ihrer historischen Bedingungen überprüft. Dies wird besonders deutlich, wenn man beginnt, die eige­ne Lebensgeschichte in die Geschichte der Familie einzuordnen.
Es leuchtet ein, dass angesichts dieser engen Verknüpfungen von Geschichte und Gegenwart ein wesentliches Ziel der Beschäftigung mit der Geschichte, also auch des Geschichtsunterrichts, die Einsicht in Grundlagen und Bedingungen der heuti­gen Lebenswirklichkeit ist. In diesem Sinne formulierte der Historiker L. Febvre: „Geschichte ist sowohl Wissenschaft der Vergangenheit als auch Wissenschaft der Gegenwart.“
Der Geschichtsunterricht versucht, dieser Zielsetzung auf verschiedenen Wegen nachzukommen. Zunächst strebt er danach, gegenwärtige Phänomene durch die Erhellung ihrer geschichtlichen Bedingtheit zu erklären, zum Beispiel die heutige Situation Deutschlands als Folge bestimmter geschichtlicher Ereignisse erklärbar zu machen. Auf dieser Ebene trägt der Geschichtsunterricht wesentlich zur politischen Bildung bei. Es geht ihm jedoch nicht darum, anhand von Beispielen aus der Ver­gangenheit direkte Handlungsanweisungen für die Gegenwart abzuleiten; vielmehr versucht er, durch Einsicht in Ursachen und Entwicklungen, durch Auseinanderset­zung mit verschiedenen Standpunkten Maßstäbe für verantwortungsvolles politi­sches Verstehen und Handeln zu ermitteln.
Der Blick in die Vergangenheit vermag zwar keine Rezepte, wohl aber das Rüstzeug hilfreicher Ansätze zu liefern, mit denen man die Aufgaben von Gegenwart und Zukunft vernünftig analysieren und anpacken kann. Dies alles schwingt in den Wor­ten des Historikers Jacob Burckhardt mit, der von der Geschichte schrieb: „Wir wol­len durch Erfahrung nicht sowohl klug (für ein andermal) als weise (für immer) wer­den.“
Ein anderer Zugriff liegt in der Untersuchung des Fremden und Andersartigen in der Geschichte, das einem zunehmend begegnet, je weiter man die Reise in die Vergan­genheit ausdehnt, ins 16. Jahrhundert, ins Mittelalter oder in die Antike zurück. In die gleiche Richtung zielt auch das räumliche Ausgreifen des Faches, das über die deutsche Geschichte hinausreicht und wichtigen Entwicklungen der europäischen und außereuropäischen Länder nachgeht. Der Franzose Braudel benutzte - an seine Landsleute gewendet - das Bild eines Englandaufenthaltes, um den Wert dieser Auseinandersetzung mit dem Andersartigen zu verdeutlichen: „Lebt ein Jahr in Lon­don, Ihr werdet England sehr schlecht kennen lernen. Hingegen werdet Ihr im Lichte Eurer Verwunderung plötzlich einige der tiefsten und ursprünglichsten Charakterzü­ge Frankreichs verstehen, die Ihr nicht kennt trotz aller Anstrengungen, sie kennen­ zu lernen.“
Die historische Beschäftigung mit den Grundlagen der eigenen Existenz in der Familie, in der Stadt (Gemeinde), in der Region, in Volk und Staat führt zu einem vertief­ten Verständnis und damit möglicherweise zur Identifikation mit diesen Größen, die unser Leben prägen.
Andererseits schärfen die historische Distanz und die Beschäftigung mit dem Andersartigen den kritischen Blick für die Besonderheiten und Fehlentwicklungen in der eigenen Zeit, weil sie über die Grenzen eigener Erfahrungsräume hinausführen. Achtung und Toleranz gegenüber dem Andersartigen, auch dem Andersdenkenden, sind durchaus Werte, die durch die Beschäftigung mit der Geschichte gefördert wer­den können.


2 Geschichte im Überblick

2.1 Daten und Begriffe

Wer bei der Beschäftigung mit der Geschichte einen Überblick gewinnen will, kommt nicht umhin, sich ein bestimmtes Grundwissen anzueignen, was zunächst heißt: sich Daten und Begriffe einzuprägen.
Natürlich kann und muss man viele Fakten und Begriffe in Lexika und Handbüchern nachschlagen. Andererseits ist das Aneignen eines Grundgerüstes jedoch unerlässlich, wenn man sich in geschichtliche Zusammenhänge einarbeiten will  und erst dann beginnt die Beschäftigung mit dem Fach interessant zu werden. Die Komple­xität geschichtlicher Vorgänge, die ja der Komplexität des menschlichen Lebens ent­spricht, erfordert einen soliden Grundstock des Wissens, der es ermöglicht, Zusam­menhänge aufzudecken, Vergleiche zu ziehen, Unterschiede und Ähnlichkeiten historischer Phänomene aufzudecken.
Es gibt sehr verschiedene Versuche, das Grundwissen zusammenzufassen und geschichtliche Abläufe übersichtlich darzustellen.
Das ,,klassische" Modell der Darstellung und Festlegung des historischen Grundwissens ist ein chronologisch geordneter Katalog von Geschichtsdaten (ein so genann­ter Zahlenkanon), wie ihn - ergänzt durch grundlegende historische Begriffe - zum Beispiel der rheinland-pfälzische Lehrplan für die Klassen 7 bis 10 enthält. Meist dominieren in einem solchen Datenkatalog die politischen Ereignisse, sozusagen die „Oberfläche“ des historischen Geschehens. Der Historiker Imanuel Geiss, der sich mit diesem Problem beschäftigte, erklärt dies so: „Je stärker sich die notwendige Komprimierung auf das Wesentliche beschränken muss, desto massiver drängen sich die viel geschmähten ‚Haupt- und Staatsaktionen’ wenigstens für den ersten elementaren Durchgang auf: Ausübung von Macht in ihren verschiedenen Formen setzt grobe allgemeine Rahmenbedingungen für die unendlich komplexere Wirt­schafts-, Sozial- und Geistesgeschichte, die in aller Kürze viel schwerer darzustellen ist als die relativ ‚einfache’ politische Geschichte. Wie aber lassen sich Amerikani­scher Unabhängigkeitskrieg und Französische Revolution ohne Kenntnis der europäischen Hegemonialkriege erklären (vom Spanischen Erbfolgekrieg bis zum Siebenjährigen Krieg), wie der Sieg von Kommunismus und Faschismus/National­sozialismus ohne Kenntnis des Russisch-Japanischen Krieges und des Ersten Welt­krieges?“ (Geiss, Imanuel: Geschichte im Überblick. Hamburg 1986, S.15)
Anders ausgedrückt: Nur von der „Oberfläche“ her kann man zu den „Tiefenstruktu­ren“ der Gesellschaften, Mentalitäten und Kulturen vorstoßen.
Allen Zahlenkatalogen und Begriffslisten liegt das Problem zugrunde, aus der Fülle des historischen Geschehens das „Unverzichtbare“ herauszufiltern, was natürlich auch vom Standort des Betrachters abhängt. Sie enthalten notwendigerweise nur eine begrenzte, meist auf die nationale Geschichte zugeschnittene Auswahl von Daten und Begriffen.

2.2 Einteilung der Geschichte in Epochen

Für einen Überblick über die Geschichte ist die Einteilung in Epochen oder Perioden von besonderem Nutzen. Eine solche Einteilung der Geschichte, in Fachkreisen als Periodisierung bezeichnet, war schon immer ein Anliegen derer, die sich mit der Geschichte beschäftigt haben. Die verschiedenen Ansätze und Ergebnisse solcher Periodisierungen zeigen aber, dass sich die Einteilung der Geschichte nicht automa­tisch aus dem historischen Geschehen ergibt, sondern eine Konstruktion derer ist, die sich mit dem geschichtlichen Ablauf beschäftigen. Dass dabei die verschiedenen Blickwinkel, aus denen die Geschichte betrachtet wird, zu unterschiedlichen Ergeb­nissen führen, leuchtet wohl ein - ein Problem, das für die Beschäftigung mit der Geschichte überhaupt gilt.


3 Vom Wesen des Geschichtlichen

3.1 Der Begriff ,,Geschichte“

Schon der Begriff ,,Geschichte“ ist mehrdeutig. Er bezeichnet sowohl das Geschehen in der Vergangenheit als auch das Erarbeiten und Weitergeben von Wissen über die Vergangenheit, das heißt die Wissenschaft, das Schulfach sowie die verschiedenen Formen der Weitergabe des Wissens. Die Verwendung des Wortes ,,Geschichte“ als Synonym für ,,Erzählung“ hängt damit zusammen. Im Lateinischen kann man die beiden Bedeutungen differenzieren: das Geschehen in der Vergangenheit wird hier als „res gestae“ bezeichnet, die Beschäftigung mit der Vergangenheit „historia“. Das Deutsche kennt eine solche Differenzierung nicht, was aus der Sache heraus auch akzeptabel erscheint: „Die Verbindung der beiden Bedeutungen Wort G. ist sinnvoll, weil das Vergangene zwar an sich objektive Wirklichkeit ist, aber erst als Gegenstand eines historischen Bewusstseins zu einem geordneten, in der Gegenwart wirksamen Ganzen wird. G. ist also nicht bloß das schlechthin Vergangene, Abgeschlossene; sie ist vielmehr die noch lebende, in die jeweilige Gegenwart hineinwirkende Vergangenheit. Die wirkungslosen Ereignisse und Erscheinungen der Vergangenheit können eigentlich nur antiquarisches Interesse beanspruchen.“ (Der große Brockhaus, 18. Aufl. 1983)

3.2 Die Zeit als Wesensmerkmal der Geschichte

Die zentrale Kategorie der Geschichte ist die Zeit, was einem einleuchtet, wenn man die (Zeit-)Daten im Fach Geschichte denkt. Zu unterscheiden ist aber zwischen der realen Zeit, dem natürlichen Ablauf des Geschehens, und unserem Bewusstsein von der Zeit. Zwei Aspekte sind dabei von Bedeutung: Das wachsende Tempo und die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Was unter wachsendem Tempo zu verstehen ist, lässt sich leicht erkennen, wenn man die Daten der wichtigsten Erfindungen und kulturellen Leistungen der Menschheit auflistet oder das Wachstum der Weltbevölkerung darstellt. Geht man von den Anfängen der Menschheitsentwicklung vor ca. 2 Millionen Jahren aus, wird deutlich, dass die eigentliche Geschichte, die mit den ersten schriftlichen Zeugnissen der Menschen vor ca. 3000 Jahren beginnt und von der Vorgeschichte abgegrenzt wird, nur einen sehr kleinen Teil der Entwicklung des Menschen einnimmt. Schließlich erscheint die Zeit der rasanten Entwicklung von Technik und Wissenschaft, ferner der Weltbevölkerung, die mit der Industriali­sierung vor etwa 200 Jahren einsetzt, im Verhältnis zur Gesamtgeschichte der Menschheit wie ein Augenblick.
Die Entwicklung des Menschen in den verschiedenen Kulturstufen verlief und verläuft aber nicht gleichzeitig, so dass verschiedene Regionen sehr starke Unterschiede in der Entwicklung aufweisen können. Man spricht vom Phänomen der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, das gerade heute sehr anschaulich beobachtet werden kann, wenn man zum Beispiel die Industrieländer mit den unterentwickelten Län­dern vergleicht.

3.3 Das Problem der Objektivität

Wer sich mit der Geschichte beschäftigt, muss sich darüber im Klaren sein, dass ein direkter Zugriff auf das Geschehen in der Vergangenheit („res gestae“) nicht mög­lich ist, dass Wissen über die Vergangenheit nur indirekt erreicht werden kann über die Quellen. Als Quellen bezeichnet man sämtliche Überreste, die Wissen über die Vergangenheit vermitteln, wobei für den Historiker die schriftlichen Quellen das ent­scheidende Erkenntnismittel darstellen. Nun ist das Vorhandensein solcher Erkennt­nismittel oft sehr vom Zufall geprägt, auch ist die Zuverlässigkeit und Genauigkeit solcher Überreste recht unterschiedlich. Dies leuchtet wohl am besten ein, wenn man bedenkt, dass schon die eigene Erinnerung ein gerade vergangenes Geschehen zum Teil recht verzerrt erfassen kann. Wissen über die Vergangenheit ist auch immer vom Standort dessen abhängig, der sich mit der Geschichte beschäftigt, aus einem bestimmten Erkenntnisinteresse heraus seine Fragen an die Geschichte for­muliert und die Erkenntnismittel zur Beantwortung dieser Fragen auswählt.
Immer wieder wird deshalb die Frage diskutiert, wie „wahr“ oder objektiv Aussagen über die Geschichte sein können. Manche leugnen überhaupt die Möglichkeit der Objektivität in der Geschichte und fordern eine parteiliche Geschichtswissenschaft, die bestimmten Interessen zu dienen habe. Demgegenüber ist jedoch zu betonen, dass - will Geschichte als Wissenschaft ernst genommen werden - die Forderung nach Objektivität als Ziel historischer Forschung und Wissensvermittlung unbedingt aufrechterhalten werden muss. Dies geschieht durch sorgfältige Berücksichtigung und kritische Auswertung der Quellen, durch das einleuchtende Begründen von Aussagen und Wertungen und vor allem auch das Bewusstmachen der eigenen Standortgebundenheit.
Eine wichtige Methode ist dabei gerade im Geschichtsunterricht der Ansatz der Multiperspektivität, bei dem ein historischer Gegenstand von verschiedenen Positionen her beleuchtet wird. Aus der kritischen Diskussion der Standpunkte, der Frage nach ihren Voraussetzungen und der Prüfung ihrer Belege ergibt sich ein Vertiefen der Einsicht in die Geschichte, möglicherweise auch ein höherer Grund der Objektivität der Erkenntnis.

3.4 Geschichte als Geflecht von Faktoren

Vertiefte Einsichten in historische Zustände und Prozesse über die Oberfläche der Ereignisse hinaus gewinnt aber nur der, der Geschichte als Bedingungs- und Wir­kungszusammenhang begreift, das heißt, der historische Phänomene als Geflecht zum Beispiel von politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen oder geistigen Fak­toren zu erfassen versucht. Man spricht auch von der Interdependenz dieser Fakto­ren. Dies ist gerade bei der Frage nach den Triebkräften der Geschichte von Bedeu­tung. Aus der Beobachtung heraus, dass die Geschichte wie das menschliche Leben überhaupt als Beziehungsgeflecht verschiedener Faktoren zu begreifen ist, folgt die Annahme, dass historische Prozesse auf ein Geflecht von Gründen zurückzuführen sind und selten monokausal erklärt werden können. Man spricht deshalb auch von der Multikausalität historischer Entwicklungen.